Das Leben oder das danach..

Mein Vater hatte oft versucht anzusprechen, was passieren würde, wenn er uns verlässt. Noch heute kann ich seinen halb scherzhaften Satz „wir müssen mal darüber sprechen was passiert, wenn ich tot bin“ hören, den ich nur allzu gerne mit dem Konter „da müssen wir uns jetzt wohl noch keine Gedanken drüber machen“ abgeblockt habe, um mit einem lachenden „naja.. ein paar Jahre habe ich wohl noch“ von ihm, das schnelle Ende dieses Themas zu finden.
Ich glaube in der Zeit als ich 28 / 29 war, kam es immer öfter vor aber ich wollte mir einfach keine Gedanken darüber machen, ich war noch jung – mein Vater mit einem 44er Baujahr zwar nicht unbedingt aber er war noch jung genug, um nicht zeitnah zu sterben.
Ende 2012 brachte ich es endlich fertig, mich ernsthaft mit dem Thema Führerschein zu beschäftigen, obwohl mein großes Problem mit mir, bzw. der Außenwelt es manchmal sehr schwer werden ließ. Die Wochen vergingen und ich war wirklich fleißig dabei, mein Fahrlehrer musste mich schon bremsen weil ich – ein scheinbares Naturtalent – sehr gut war und mehr (Pflicht-) Stunden nahm, als jede andere in der Zeit.
Mein Vater unterhielt sich immer öfter mit mir über das Thema „Autos“ und über seins, dass er mir vielleicht schenken wollte, was ich bis dato immer dankend ablehnte, da mein Traumwagen doch etwas anders aussah. ^^
Am 23.02. feierten wir gemeinsam den Geburtstag meines Freundes, bei uns zu Hause.. kurz darauf, Anfang März machte ich meine praktische Fahrprüfung und bestand, doch mein Vater konnte dies nicht mehr erleben, da er wenige Tage, nach seinem letzten Besuch, plötzlich und für uns völlig unerwartet verstarb.
Auf einmal war alles so anders.. er fehlt(e), er fehlte an meinem 30. Geburtstag, er fehlte Weihnachten, er fehlte bei der Einschulung seiner Enkeltochter, er wurde einfach mitten aus dem Leben, aus unserem Leben gerissen.
Nicht nur, dass es einfach unverständlich war, dass er nicht mehr da sein soll, wusste ich nicht wie es nun weitergehen sollte – warum hatten wir nie darüber gesprochen? Weil wir das Thema einfach nie ernst genug genommen haben und es permanent unter den Tisch kehrten.. ich wünschte mir, wir hätten es getan.
Es gab im Laufe der Zeit so vieles, was mir durch den Kopf ging und so vieles, was wir hätten besprechen / klären sollen, was ich ihm hätte sagen wollen. Er ist gegangen, ohne dass wir uns verabschieden konnten, ohne dass wir uns nochmal gesehen haben und ohne, dass ich ihm sagen konnte, wie lieb ich ihn hatte. Ich glaube mittlerweile, dass es sehr wichtig ist, dass man offen über dieses Thema spricht und vor allem auch, wichtige Dinge bespricht, bevor es irgendwann vielleicht zu spät ist.
Die Polizei informierte damals meinen Halbbruder, der dichter vor Ort war, so dass er einen ortsansässigen Bestatter informierte. Als ich bei ihm zu Hause ankam, war mein Vater bereits nicht mehr da und ich musste, als einziges, leibliches Kind, entscheiden wie alles weitergehen sollte.
Es gab ein Haus, mit vermieteten Wohnungen, es gab Verbindlichkeiten, einen Bestatter, der eigentlich innerhalb von 24-48 Stunden die Bestattung über die Bühne bringen wollte, einen für uns anfangs unerklärlichen Tod, Freunde und Bekannte, die es zu informieren gab, diverse Verträge, die zeitnah gekündigt werden mussten und eine Trauerfeier, die ich trotz großer, eigener Trauer und Bestatter im Nacken, so schön wie möglich gestalten wollte.
So makaber wie es klingen mag, wurde uns nahegelegt, nicht den erst besten Bestatter zu wählen und dass man, obwohl bereits einer mit der „Abholung und Aufbewahrung“ beauftragt wurde, einen neuen auswählen könne.
Da für mich bereits feststand, dass mein Vater bei uns beigesetzt werden sollte, wo er selbst als Jugendlicher und junger Mann gelebt hatte, war eigentlich klar, dass wir einen Bestatter in der Nähe suchen würden. Nachdem erste Dinge geklärt waren und wir etwas Licht ins Geschehen gebracht hatten, was uns erkennen ließ, dass mein Vater aus gesundheitlichen Gründen verstorben war (was er wohl nicht mit der Familie teilen wollte), hatten wir einen Termin bei einem „großen“, ortsansässigen Bestatter.
Dieser war relativ barsch und eher unfreundlich, was mich zum Entschluss kommen ließ, seine Preisübersicht vorerst mit nach Hause zu nehmen, um mich später wieder zu melden. Dies tat ich nicht. Stattdessen suchte ich einen weiteren Bestatter auf, der mir von Bekannten empfohlen wurde und ich muss sagen, dass ich trotz des traurigen Anlasses wirklich froh war, diese Wahl getroffen zu haben. Ich fühlte mich, soweit man es sagen konnte, wirklich wohl, gut aufgehoben und gut beraten, zumal der Preis – mein Vater möge es mir verzeihen – noch eine ganze Ecke unter dem ersten lag, obwohl er die gleichen Leistungen beinhaltete.
Nachdem feststand, dass die Beisetzung in einer Urne erfolgen würde, was der ausdrückliche Wunsch meines Vaters war, den er früher mit „ich möchte zum Schluss wenigstens nochmal warme Füße bekommen“, gerne auf seine Art überspielen zu versuchte, wurde mir auch der zeitliche Druck von Seiten der Bestatter etwas genommen, weil hier keine Eile mehr bestand, eine baldige Beisetzung vorzunehmen.
Ich machte mir in Ruhe, Gedanken darüber, wie alles aussehen sollte, sprach mit einer Freundin, die sich als Floristin anbot, wählte Blumen aus, Kränze / Grabgestecke, suchte nach Sprüchen für eine Traueranzeige, stellte meine Musikauswahl für die Trauerfeier zusammen, wählte die Urne aus, einen „passenden Platz“ auf dem Friedhof, der mir auch heute noch sehr gut gefällt und plante seinen Abschied, so schön wie es irgendwie möglich war. Nicht, dass es einfach gewesen war – ganz im Gegenteil – aber ich wollte mich weder „über den Tisch ziehen lassen, noch wollte ich diesen einen, letzten Tag, unter meiner Trauer leiden lassen.
Meine Mutter nahm mir den Teil der Trauerrede ab, da sie ihn doch länger und irgendwo besser kannte, um ihm ein paar letzte, schöne Worte widmen zu können, welche wir bei uns, mit der Rednerin besprachen.
Immer in der Hoffnung ich schaff´s
Bin ich nun am Ende meiner Kraft.
Darum weinet nicht, ihr Lieben,
wäre ich auch gerne geblieben.Haltet fest zusammen und reicht euch die Hand,

das ist mein Wunsch beim letzten Gang.Für uns alle unerwartet und zu früh.

So fiel letztendlich meine Wahl, für die Traueranzeige.. im Bezug auf seine Krankheit, dessen Anzeichen er vor uns immer als Kleinigkeit darstellte und vermutlich selbst noch Hoffnung auf Heilung hatte, vermeintlich wissend, dass COPD nicht heilbar, sondern als der „schleichende Tot in der Lunge“ bekannt ist und irgendwann zum Ende führen würde – im Zusammenspiel damit, dass unsere familiäre Beziehung nicht unbedingt die Beste war und er im Inneren den Wunsch pflegte, dass doch irgendwann, wieder alle zueinander finden würden. Ich glaube passender hätte ich es aus seiner Sicht nicht treffen können.
Das Blumenarrangement in der leider recht dunklen Kapelle, wollte ich, um alles heller wirken und es für einen Mann irgendwo neutral zu halten, komplett in grün (dies ließ sich aufgrund der Vorgaben der Natur nicht vermeiden) und weiß gestalten. Als Hauptaugenmerk hatte ich die Calla, eine seiner Lieblingsblumen gewählt.
Meine Musikauswahl, die mir nach wie vor das Herz zerreißt..
(„sein Lied“)
Ich hoffe nach wie vor, an diesem Tag alles richtig gemacht und es vor allem im Sinne meines Vaters arrangiert zu haben. Mir wurde mehrfach gesagt, dass er stolz auf mich wäre und dass es ihm gefallen hätte, dies war an dem Tag auch mein einziger und letzter Wunsch für ihn. Eigentlich bin ich nicht abergläubisch oder glaube an Dinge wie Geister aber ich denke, dass es ihm gefallen hätte, wenn er dabei gewesen oder uns von oben gesehen hätte.

♥ I miss you ♥
Vielleicht denkt ihr in Zukunft auch etwas darüber nach, welche Dinge wirklich wichtig sind und worüber ihr mit euren Familien sprechen solltet. Man stirbt nicht nur altersbedingt, sondern leider auch durch Krankheit und nicht jeder hat den Mut darüber zu sprechen oder möchte die Menschen, die er liebt, nicht in Angst und Trauer versetzen. Im Grunde kann es uns alle, jeden Tag treffen.. ganz egal wieso oder wodurch und ich kann euch sagen, dass es für die Hinterbliebenen leichter (wenn auch nicht einfach) sein wird, wenn gewisse Dinge besprochen worden sind.